my home is my castle (2019) aluminium, acrylguss, recyceltes glas, led (pp. 54 x 54 x 180cm) – Foto © Joachim Ramin
Das Licht ersetzt das Massive und verweist darauf, dass Raum weniger durch Material als durchsoziale, symbolische und machtvolle Setzungen entsteht. Sie behaupten einen privaten Raum, ohne ihn vollständig abzuschirmen. Dadurch wird die Ambivalenz von Raum erfahrbar: Er ist zugleich Rückzugsort und exponierte Struktur, Schutz und
Behauptung, Freiheit und Begrenzung.
Durch die veränderbare Stellung weit/eng wird der eigene Anspruch auf den Raum sowie dessen Bedeutung und die eigene soziale Verortung reflektiert aber auch manifestiert.
Hannah Arendt: Das Recht, privat zu sein, ist das Recht, nicht gesehen zu werden.
Michel Foucault: Der Raum ist grundlegend in jeder Form von Machtausübung.
Raum ist nicht lediglich Ausdehnung oder physische Gegebenheit, sondern eine existentielle Bedingung menschlichen Seins. Als Wohnung und Freiraum bildet er die grundlegende Voraussetzung dafür, dass der Mensch sich in der Welt verorten kann. Wohnen bedeutet in diesem Sinne nicht nur das Besetzen eines Ortes, sondern das In-der-Welt-Sein selbst: einen Ort zu haben, von dem aus die Welt erfahrbar wird und in dem sich Dauer, Schutz und Orientierung verdichten.
Als privater Rückzugsort eröffnet Raum die Möglichkeit zur Distanzierung vom Außen. Erst durch diese Distanz wird Freiheit denkbar. Freiheit ist nicht allein die Abwesenheit von Zwang, sondern die Fähigkeit, sich dem Zugriff des Anderen zu entziehen. Der eigene Raum schafft eine Sphäre, in der das Subjekt sich selbst begegnen kann, unbeobachtet, unbewertet und damit autonom. In einer Gesellschaft, die auf Sichtbarkeit und Austausch beruht, ist der private Raum der notwendige Gegenraum, in dem Individualität entstehen und bestehen kann.
Zugleich ist Raum immer eine Form der Positionierung. Wer Raum einnimmt, behauptet Existenz. Diese Behauptung ist nie neutral, sondern ein Akt der Setzung: Hier bin ich, hier halte ich mich auf, von hier aus spreche ich. Raum wird so zur Verlängerung des Selbst, zur räumlichen Manifestation von Identität. In der Art, wie Raum genutzt, strukturiert oder verteidigt wird, artikuliert sich das Verhältnis des Subjekts zur Welt.
Als Besitz erhält Raum eine zusätzliche symbolische Dimension. Er wird zum Zeichen von
Zugehörigkeit, Macht und sozialer Verortung. Besitz an Raum bedeutet nicht nur Verfügung, sondern auch Sichtbarkeit im Gefüge anderer Räume. Die Selbstdarstellung über Raum geschieht stets relational: Der eigene Raum gewinnt Bedeutung im Vergleich zu benachbarten, öffentlichen oder fremden Räumen. Dadurch wird Raum zu einem Medium sozialer Kommunikation, in dem Werte, Hierarchien und Lebensentwürfe lesbar werden.
Schließlich ist Raum immer auch Grenze. Er trennt Innen und Außen, Eigenes und Fremdes,
Zugehörigkeit und Ausschluss. Diese Abgrenzung ist notwendig, um Identität zu stabilisieren, birgt jedoch zugleich das Potenzial der Ausgrenzung. Raum markiert, wer Zugang hat und wer ausgeschlossen bleibt. In dieser markierenden Funktion zeigt sich, dass Raum nicht nur Schutz bietet, sondern auch Macht ausübt.
So erscheint der Raum als Wohnung und Freiraum als ambivalente Struktur: Er ermöglicht Freiheit und begrenzt sie zugleich, schützt das Subjekt und konfrontiert es mit dem Anderen. Raum ist damit kein bloßer Hintergrund menschlichen Handelns, sondern ein konstitutives Moment menschlicher Existenz.
Webseite: joachimramin.de/